Man
erinnere sich an John Berry, Kalifornier indianischer Abstammung, den ich
auf einem Rave Silvester 2000/2001 kennengelernt habe. Er war ja schon
bei einer Modelagentur (Bleu Models) eingeschrieben und bekommt regelmässig
Aufträge. Als er unsere Ergebnisse seinem "Booker" bei Bleu Models
L.A. vorlegte, haben die mich angerufen und gefragt, ob ich Interesse hätte,
andere Models von Ihnen zu "testen", wie man sagt. Das mussten sie mir
nicht zweimal sagen, und eine Woche später stand Joey Awong vor meiner
Kamera.
Joey ist, wie
so wieviele Amerikaner, ein Produkt vieler Rassen. Sein Grossvater väterlicherseits
ist Chinese, daher hat er auch seinen Nachnamen "Awong" und den leicht
asiatischen Einschlag in seinen Augen. Der Rest ist mexikanisch und weiss.
Joey ist in Hawaii aufgewachsen und daher ein waschechter Surfer. Das Wasser
in Los Angeles sei zu kalt, lästerte er. Junge sind das verwöhnte
Menschen. Er sollte man in der Nordsee surfen, das würde ihn lehren,
was kaltes Wasser ist.
Joey war eines
meiner letzten Models in meiner Zeit in Los Angeles. Wenige Wochen später
flog ich ab, ich hätte gerne noch ein paar "Blue"-Models" "interpretiert".
Wir trafen uns innerhalb zehn Tagen für zwei Shoots. Das erste mal
hatte er längere, krause Haare, das zweite mal die Haare auf Anraten
seiner Agentur fast abrasiert. Ein völlig anderer Mensch! Und in der
Tat wurde er, wie er mir später mitteilte, mit kürzeren Haaren
viel öfter gebucht als mit längeren, die ihm einen Latino-Touch
gaben.
Joey ist also
"professionelles Model". "Professional" heisst in Amerika nicht, dass man
es gut oder richtig macht, sondern, dass man davon leben kann, oder wie
man flapsig sagt, "it pays my rent" (ich bezahle damit meine Miete). Während
es bei John Berry und Joey Awong tatsächlich zutreffen mag, habe ich
viele "Pretenders" kennengelernt, das sind Leute, die nur vorgeben,
dies und das zu sein. Vor allem in LosAngeles/Hollywood, wo Schauspielerei
(besser: Ständiges Sich-Verstellen und Gegenseitig-etwas-Vormachen
das Hauptmetier ist, will jeder mitspielen. Jeder, der einigermassen aussieht,
behauptet auf Frage, was er denn beruflich mache, ganz automatisch "I am
a model". Wer nicht ganz so gut aussieht, aber immerhin jung ist, sagt
"I am an actor", und für die, bei denen beides völlig unglaubwürdig
wäre, gibt es noch "I am a producer", oder sogar "I am a director".
Das ganze ist
oft so lächerlich aufgesetzt, dass sich eine Redewendung eingebürgert
hat: Auf die Aussage "I am an actor", frägt man automatisch zurück:
"Oh, which restaurant are you working at?" - Das hat einen banalen Hintergrund:
Die, die es tatsächlich zu einer Modelagentur geschafft haben (was
noch lange nicht heisst, dass sie auch gebucht werden, also bezahlte Aufträge
erhalten), müssen tagsüber "on call" sein, also Anrufe entgegennehmen
können und sofort verfügbar sein. Folglich können sie keine
Jobs annehmen, für die sie tagsüber arbeiten müssen. Also
müssen sie abends und am Wochenende arbeiten, und dafür sind
Kellnertätigkeiten ideal.
Eine Folge
davon ist, dass Los Angeles mit die am bestaussehendsten Bedienungen hat,
die ich jemals in Restaurants gesehen habe. Dieser optische Genuss ist
ein angenehmer Nebeneffekt, wenn man Essen geht - für viele überhaupt
der Grund, Essen zu gehen. Es soll Leute geben, die das Resturant danach
auswählen, wie hübsch die Waiters, die Bedienungen, sind.
Über Modelagenturen:
Betritt man eine Modelagentur, dann weht einem oft ein kühler Wind
entgegen. Ich weiss nicht warum, aber viele Agenturen und Booker sind unfreundlich,
launisch und kühl, und ich habe mehr als einmal bemerkt, dass es ein
eigentlich netter Mensch sich mit grosser Anstrengung bemühte, so
unfreundlich zu sein. Sie wollen wohl die Botschaft vermitteln, dass man
etwas von ihnen will und sie auf die Models/Fotografen nicht angewiesen
sind. Sehr professionell.
"Open calls"
sind eine Art Sprechstunden, die sich jede Agentur leistet, in dem Modelanwärter
ohne Termin hingehen können, ihre Bilder vorzeigen können und
dann mitgeteilt bekommen, ob sie in Frage kommen können. Bei einem
open call, in denen ich zugegen war, wurden einigen Jungs und Mädels,
die sich auf diese Weise beworben haben, regelrecht ausgelacht. Ich war
dort mit Ty Peterson (auch auf dieser Seite), und als er dies gesehen hat,
hat er, dieses Goldstück, den Kopf geschüttelt, ist aufgestanden
und hat die Agentur mit Ekel verlassen.
Ich bin der
Ansicht, daß eine gute Agentur ebenso freundlich, fair und zuverlässig
zu seinen Modellen sein muß, wie sie es selbst von anderen
erwartet. Nur mit solchen Agenturen arbeite ich zusammen.
Zurück
zu Joey - Da er erst vor kurzer Zeit von Hawaii nach Los Angeles gekommen
ist (eine zweifelhafte Entscheidung), ist er noch nicht verdorben, sondern
ehrlich und grundanständig. Immer pünktlich, immer zurückgerufen,
immer freundlich und respektvoll, mit viel Einsatz, Eifer und Cleverness
während der Shoots.
Apropos Cleverness
- da fällt mir gerade noch eine Situation ein: Ich habe es gerne etwas
ruhiger beim Shoot, viele Leute drumrum, die blöd gucken, das ist
nichts für mich. Die besten Fotos entstehen in Einsamkeit. Während
unseres ersten Shoots bogen wir vom Sunset Blvd in eine Strasse ein, die
sich später als Privatstrasse entpuppte. War für mich von einer
normalen Strasse nicht zu unterscheiden. Es war in einem Creek, mit einem
kleinen Bach.
Nach 20min
kam plötzlich ein Mann auf uns zugestürzt und riss mir förmlich
die Kamera aus der Hand. Er war ein Security-Beamter (der ehrenvollste
Beruf, den ich kenne - das war Ironie). Er glaubte wohl ich würde
die Leute ausspionieren oder die Gegend unsicher machen, obwohl eigentlich
sehr einfach zu sehen war, dass ich Joey fotografierte (der gerade in Shorts
vor einem Brückchen stand) und nichts anderes.
Wenn ich bei
einem erfolgreichen Shoot, in dem gerade die Atmosphäre zwischen Fotograf
und Model stimmt, auf so barsche und dumme Weise gestört werde, reagiere
ich sehr ungehalten und mit hitzigen Diskussionen. Joey aber - clever -
rettete die Situation, in dem er vorgab, wir seien beides UCLA-Studenten
und arbeiteten gerade an einem Portrait-Projekt in der Natur. Da die UCLA
(die Universität von Los Angeles) einen sehr guten Ruf hat, und Joey
es cool vortrug, beruhigte sich unser Security Freund schnell und gab mir
die Kamera zurück.
Ein Glück!
Sonst hätte ich meine Kamera nicht mehr, MalePerceptions wäre
zu Ende, und die Bilder von Joey würden vermutlich im Schlafzimmer
des Security-Beamten hängen.
Viele
weitere Bilder, auch von unserem zweiten Shoot - Joey hatte wesentlich
längere Haare - gibt es auf der MalePerceptions
CD. |
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